Ein Schiff in der Wüste
 

Ein Schiff in der Wüste / Statek na pustyni

Von Rosemarie Bronikowski

Paperback
154 Seiten
ISBN 3-89794-007-8
1.Aufl.
EUR 9,95




Seit je hat es Schiffe gegeben, deren Routen auf keiner Seekarte verzeichnet sind, deshalb werden sie nicht vermißt. Die Passagiere schreiben auf blau liniertem Papier. Sie schreiben vom Salz in den Augen, vom Salz auf den Lippen, vom Salz im Mund, doch mit keiner Zeile vom Wasser.


[ Inhalt ] [ Nachwort ]

Inhalt

Das austauschbare Herz
Seit das Herz Ersatzteil geworden ist und zum Dichterwort nicht mehr taugt, irrt die Seele suchend umher. An welches Symbol kann man sich klammern? Nur im Nest der Vergangenheit pocht noch das gefühlvolle Ding, das die Liebenden rührte und die Gottgläubigen mit Andacht erfüllte. Für Gemütsbewegungen sind jetzt die Nervenzellen im Gehirn zuständig. Der Wissenschaftler greift sich nur aus Gewohnheit an die linke Brusthälfte, wenn Im äußersten Spektrum des Weltalls filigrane Muster sichtbar werden, die auf das Flattern einer Gebetsfahne im Tibetwind zurückzuführen sind.


Ein Schiff in der Wüste
Ein Schiff voller Urwald kreuzt durch die Wüste. Bevölkert mit Allerlei Tieren, sie wollen sich retten. Auch die Mammutbäume, die Kokospalmen, die Lianen und die Ameisenhaufen wollen sich retten. Die mitfahrenden Menschen jedoch beanspruchen den Platz für sich. Sie sind von störender Betriebsamkeit, weil sie fürchten, im Zustand der Ruhe ihre Zweibeinigkeit zu verlieren. Damit erwecken sie den Unwillen der anderen Reisenden, es kommt zu Reibereien, die in Kriege ausarteten, wären nicht Menschen und Tiere auf ihre Rettung bedacht. Was aber, wenn das Schiff im Sandsturm den Kurs verlöre und es steuerte zurück ins Holozän?

(entnommen aus dem Buch)


Nachwort

des Übersetzers (ins Polnische)

Wunderbare Gedichte ! Gedichte ? All diesen 65 Texten ist ein solcher Duktus, eine solche Dichte von Vorstellungen und sprachlichen Vernetzungen eigen, daß sie sich mit "Prosa" allein nicht erklären lassen.
Esse est percipi, Sein heißt "Wahrgenommensein", heißt "wahrnehmen" - mit offenen Augen, offenen Ohren. So still wie ein "Blumenbukett, wenn es zu Staub raschelt" in einer "Blütenstille". Oder, im Gegenteil, so laut wie "das millionenfache Getöse der Zikaden" oder die "Wucht der Explosion". Die Lautstärke ist mitunter nur innerlich empfunden als "Donnerschlag der Sprache" oder als "schrille Todesnot". Ebenfalls sind die optischen Eindrücke in verschiedenen Schattierungen reichlich vertreten: vom "Blitzlicht", das die Augen schließen läßt bis zur "Dunkelheit" und bis zu den undefinierten Abständen "zwischen wechselnden Dunkelheiten". Und die Wahrnehmung der Zeit: von extremer Geschwindigkeit: "sekundenschnell um den Erdball" bis zur lähmenden Allmählichkeit des im Glas eintrocknenden Weins (Abwesenheit). Dennoch, will man nach begrifflichen Stützen suchen, ist es eher Poesie nicht von impressionistischem Eindruck, sondern eine von expressionistischem Ausdruck, fast ein poetisches Bilderbuch. Jeder Text ist eine, wenn auch nur mit zarten Strichen oder Farben, gezeichnete bildliche Darstellung, mit einem einzigen Blick zu erfassen, manchmal zu bildhaft, um noch einer visuellen Verdeutlichung zu bedürfen. Verinnerlichte Bilder, voll von Requisiten und Details: Blumenstrauß und Stehlampe, Herz (als "Ersatzteil") und Gebetsfahne, Bildschirm usw. Manche Texte wirken statisch, wie etwa Geburtstage kommen und gehen, Kommentar, Bahnhofszeit, bisweilen durch eine überraschende Regung unterstrichen: "Die Uhr müßte stehn, doch sie läuft" (Kommentar). Die meisten Gedichte fallen jedoch durch die in ihnen geschilderte Bewegung auf, sie sind wahre motion pictures. Wie in dem Gedicht Die Läuferin und Entflogen. Von besonderer Art ist die durch einen plötzlichen Stillstand abgebrochene Bewegung. So in dem Text Die Möwe: "ich wäre beinahe per Hundeschlitten im nächsten Winter gelandet, hätte mich nicht im letzten Moment ein Blick aufs Meer zum Stoppen gebracht. Ein Segel steht dort unverrückbar am Horizont". Oder In Zimmersuche: "Ich beruhigte mich erst, als ich an eine Wohnungstür gelangte, auf der Eintritt verboten stand".

Antoni Buchner, geb. 1941 in Jugoslawien, freischaffender Musikwissenschaftler, z. Zt. Mitarbeiter des Polnischen Kulturinstituts Berlin.

[ Inhalt ] [ Nachwort ]